Interactive West 2016

Marktforschung meets FBI-Verhörtechnik: Dr. Manfred Blümel im Interview

Marktforschung meets FBI-Verhörtechnik: Dr. Manfred Blümel im Interview

Dr. Manfred Blümel ist Principal Partner & CEO von Zeitgeist Research, wo er Marktforschung in seiner modernsten Form betreibt. Der in Seattle ansässige Unternehmer weiß, wie umkämpft das Business ist und wo die Möglichkeiten für Kunden liegen – auch mit welchen „FBI-Verhörtechniken“ man das Konsumverhalten erforschen kann. Im Interview mit VOL.AT gibt er spannende Einblicke in die Branche und erzählt auch von seinem persönlichen Verhältnis zu Vorarlberg.
 

Wer Ausführlicheres erfahren möchte, kann Dr. Manfred Blümel bei der am 13. Oktober 2016 von Russmedia Digital veranstalteten 3.Interactive West erleben.
 
Der gebürtige Vorarlberger und ehemalige Volontär der Vorarlberger Nachrichten war Clubsekretär im Vorarlberger Landtag und Pressesprecher im Europastaatssekretariat, bevor er in die USA auswanderte. Der Wahlamerikaner war acht Jahre lang Leiter der Abteilung für Konsumentenforschung bei Amazon.com in Seattle, Washington und hat sich schwerpunktmäßig mit dem Wandel von Technologie, mit den Umwälzungen im Einzelhandel und der Digitalisierung des Buchs (eBooks, Kindle usw.) auseinandergesetzt. Nach seiner Tätigkeit bei Amazon gründete Blümel „Zeitgeist Research“ mit Sitz in Seattle. Zu den Kunden des Marktforschungsunternehmens gehören unter anderem Twitter, LinkedIn, Samsung Electronics, die Marriott Hotels und YouTube.
 

1. Sie sind gebürtiger Vorarlberger und seit vielen Jahren Wahlamerikaner. Wie kam es dazu, dass Sie sich zu diesem großen Schritt – einer Auswanderung – entschieden haben? War es der Job, der Sie nach Amerika gebracht hat? Zunächst die Arbeit bei Jasc Software, dann acht Jahre bei Amazon.com in Seattle als Leiter der Abteilung für Konsumentenforschung. Oder waren es einfach nur Land & Leute, die Sie schon während Ihres Studiums an der University of Minnesota begeistert haben – und in Amerika zu leben und zu arbeiten war also immer schon ihr Traum!?

 
Meine Familie war immer schon amerikanophil und ich habe etliche Onkel und Tanten, die schon in den 50er Jahren ausgewandert sind. Ich bin daher schon von klein auf mit der Orientierung an diesem Land aufgewachsen und habe mich dann in meiner Dissertation auf das politische System Amerikas konzentriert und in diesem Zusammenhang ein Jahr als Forschungsassistent beim Center for Austrian Studies an der University of Minnesota in Minneapolis verbracht. Und obwohl der Anfang sehr beschwerlich war – schweinekalte Winter und kein anständiger Kaffee – und ich einen guten Karrierrebeginn in Österreich hatte – Clubsekretär im Vorarlberger Landtag und dann im Europastaatssekretariat in Wien – habe ich die gewaltigen Möglichkeiten, die einem die USA bieten und den optimistischen Lebensstil sehr vermisst, als ich wieder zurück in Österreich war. Ich habe mich dann um die Green Card beworben und diese in der Lotterie gewonnen und kann mich noch gut erinnern, als das amerikanische Konsulat mein Visum abstempelte und ich zu McDonalds ging um mit Coke und Chicken McNuggets zu feiern.
 
Was mir hier so gut gefällt, ist der Optimismus, der Glaube an die Zukunft und das Anpacken. Mit Raunzen, Weinerlichkeit, Zögerlichkeit, und Unentschlossenheit kommt man hier geschäftlich und gesellschaftlich nicht weit. Als ich es geschafft habe, diese doch etwas österreichischen Eigenwilligkeiten abzulegen, war die Integration ganz einfach und ich war erstaunt, wie leicht es ist, hier aufgenommen zu werden. Die Staatsbürgerschaft war dann letztendlich nur der Abschluss einer Liebe zu einem Land, die ich die ganze Zeit hatte. Dennoch habe ich meine österreichische behalten, frei nach Goethe: zwei Seelen wohnen in der Brust oder so ähnlich:)
 

2. 2010 gründeten Sie das Marktforschungsunternehmen „Zeitgeist Research“ mit Sitz in Seattle. Mit wie vielen Mitarbeitern haben Sie Ihr Unternehmen gestartet und wie viele Leute arbeiten heute dort? Was waren die anfänglichen Herausforderungen?

 
Wir haben der Firma einen deutschen Namen gegeben, da in den USA hochwertige Forschung mit dem deutschen Sprachraum assoziiert wird. Der Name ist zwar für einige nicht einfach zu buchstabieren, drückt aber Qualität aus.

Ich habe acht Jahre lang für Amazon gearbeitet und die Werte dieses Unternehmens aufgesaugt. Es gibt ein Wort für Leute wie mich: Jeff-Bot (Leute, die wie Jeff Bezos denken). Amazon ist natürlich für billige Preise bekannt, aber der zentrale Wert der Firma ist, den Kunden in den Mittelpunkt allen Handelns zu stellen oder die “customer centricity” und “customer obsession” zu leben. Wir haben diese Philosophie bei Zeitgeist Research eins zu eins übernommen – zum Beispiel: jedes Projekt wird vom Kunden mit einem Score, sowie positiven und negativen Bemerkungen beurteilt. Diese Bewertungen werden dann intern veröffentlicht, sodass ein jeder weiß, wie gut der andere ist. Das erhöht den Druck untereinander, der Beste zu sein. Für Mittelmäßigkeit ist da kein Platz und die schwachen Mitarbeiter können sofort aussortiert werden.

Die Herausforderungen am Anfang waren im Wesentlichen ein ausgewogenes Preis-Leistungsverhältnis anzubieten: Wir haben uns entschlossen, ein Billiganbieter mit hoher Qualität zu sein. Das ist natürlich schwierig, aber wenn sie sich das Model des Einzelhandels hernehmen, dann ist genau das Amazon dort gelungen. Das Rezept ist ganz einfach: Wir haben niedrige Preise, da unsere Firma virtuell ist und wir für keine Büros zahlen müssen. Dadurch können wir aber auch Mitarbeiter in den ganzen USA anwerben, also auch dort, wo die Löhne niedriger sind als hier an der Westküste. Wir haben Leute in Phoenix Arizona, Chicago, North Carolina und Wisconsin, wo wir etwa 30% weniger zahlen müssen als in Seattle. Zudem sind wir in einer Steueroase. Neben den Bundessteuern, die jeder zahlen muss, bezahle ich nur 2% Steuern an den Bundesstaat Washington (in Kalifornien sind das bis zu 15%) und bezahle keine Einkommenssteuer an den Bundesstaat (davon gibt es nur sechs Staaten). Das erklärt den Preis. Die Qualität erzielen wir ganz einfach dadurch, dass wir nur erfahrene Forscher anstellen. Jemand der weniger als zehn Jahre Erfahrung hat, kann bei uns gar nicht anfangen.
 

3. Von der Überprüfung der Benutzerfreundlichkeit, über Online-Umfragen bis hin zu Entscheidungspfad-Analysen geht der Service Ihrer Firma. Besonders spannend hört sich der Punkt „Facial Coding“ an. Was genau passiert hier?

 
Meinungsumfragen und Fokusgruppen bieten viele an. Wenige Firmen setzen sich mit den neuen Entwicklungen in der Konsumentenforschung auseinander wie zum Beispiel das Messen von Gehirnströmungen, wenn Konsumenten einem Werbestimulus ausgesetzt sind. Wir haben gerade das Facial Coding eingeführt, das im wesentlichen eine Verhörtechnik ist, die vom CIA und dem FBI entwickelt worden ist, um zu erkennen, ob Probanden die Wahrheit sagen. Nehmen wir das Beispiel des ungeschützten Sexualverkehrs her. Wenn man Konsumenten in Umfragen frägt, wie oft sie Sex haben und wieviele Kondome sie verwenden, kommt man auf einen hochgerechneten Umsatz von 2,6 Millarden Kondomen, tatsächlich werden aber in den USA nur 600 Millionen verkauft. Facial Coding deckt auf, wann Konsumenten im Gespräch wissentlich die falschen Angaben machen.
 

4. Ihre Firma bietet ein umfassendes Programm: Für jede nur erdenkliche Art der Fragestellung – von qualitativ bis quantitativ, von langwierigen Analysen bis hin zu schnell zu ermittelnden Ergebnissen – für große und kleine Firmen und für den großen und kleineren Geldbeutel. Gibt es viele Konkurrenzanbieter oder ist Ihr Unternehmen in seinem Angebot einzigartig?

 
Die Markt- und Konsumentenforschungsindustrie setzt etwa 15 Milliarden Dollar in den USA um. Da gibt es genügend Konkurrenz, die nullachtfünfzehn-Marktforschung anbieten.

Wenige Marktforscher hatten jedoch die Möglichkeit, bei einem führenden Unternehmen wie Amazon bei drei umfassenden Entwicklungen dabei zu sein: 1) Das komplett veränderte Einkaufsverhalten von offline zu online, 2) das neue Leseverhalten durch das digitale Buch und 3) der Einsatz neuer Technologien im täglichen Leben. Dieses Wissen und die Art und Weise, die Welt aus einer Amazon-Perspektive zu betrachten, macht Zeitgeist Research wahrscheinlich zu einem kleinen, exquisiten Marktforschungsunternehmen.

Wir machen daher viele spannende Studien, von den Umwälzungen beim Lebensmittel-Einkauf (hier gibt es die größten noch vorhanden Wachstumschancen, Konsumenten von offline zu online zu bewegen), bis hin zum Preisverfall beim Katzenfutter und der Konfiguration von Entertainment Systems in Hotels.
 

5. Die Liste Ihrer Kunden kann sich sehen lassen – das sind Global Player wie Twitter, LinkedIn, Samsung Electronics, Youtube oder die Marriott Hotelkette. Wie baut man sich einen solch illustren Kundenstamm auf? Ist es einfach nur die Qualität der Arbeit, die überzeugt oder doch auch harte Akquise?

 
Ich würde sagen, es ist die Kombination von Pedigree (Amazon), Netzwerken und dem richtigen Preis-Leistungsverhältnis. Angefangen hat alles mit LinkedIn, als ein ehemaliger Amazon-Kollege mich angeheuert hat. Die Einstellung unter uns Amazon-Alumnis ist, dass wenn man lange bei Amazon überlebt hat, man gut sein muss. Da hat man schon den Beweis geliefert, dass man was kann. Und so fing das an.
 

6. Kommen Sie noch oft in Ihre alte Heimat? Oder lässt das der volle Terminkalender nicht zu? Was ist Ihr Lieblingsplatz in Seattle – und wo ist dieser in Vorarlberg?

 
Ich komme etwa zwei Mal im Jahr sehr gerne nach Vorarlberg um mich hier zu erholen und meine Familie zu sehen und meistens zieht es mich nach Schwarzenberg. In manchen Gegenden der Alpen hat man das Gefühl, man sitzt in einem Freiluftmuseum. Der Bregenzerwald ist eine ganz feine Kulturregion, die es – neben dem tollen Essen – geschafft hat, die alte Tradition mit neuer Architektur zu verbinden. Das kann sich sehen lassen. Da kann man als Vorarlberger im Ausland sehr stolz darauf sein.

Aber die Bergwelt rundum Seattle ist der in Vorarlberg sehr ähnlich – wir gehen hier Eierschwammerln und Steinpilze suchen und Heidelbeer pflücken und ich fühle mich in dieser von Europäern noch relativ unentdeckten Stadt mit seiner Naturschönheit und Wirtschaftsdynamik im äußersten Nordwesten sehr wohl.

Die größten hier ansässigen Firmen hier sind Boeing, Microsoft, Starbucks und Amazon, die alle zum gewaltigen Bevölkerungszuwachs beitragen.

Man muss aber auch dazu sagen, dass es natürlich nicht überall so toll ist. Seattle ist eher die Ausnahme und gehört mittlerweile zu den am schnellsten wachsenden Großstädten der USA in der etwa 60% der Stadtbewohner erst in den letzten 15 Jahren zugezogen sind. Und die Arbeitsplätze, die hier geschaffen werden, sind hochbezahlte Technologiearbeitsplätze: Etwa 60% der Erwachsenenbevölkerung hat einen Hochschulabschluss und die Stadt hat die höchste Dichte an Buchlesern. Ein guter Platz um Zeitgeist Research zu gründen!
 

7. Auch wenn es bis zum 13. Oktober noch eine Weile hin ist – was erwarten Sie sich von der Interactive West 2016?

 
Viele anregende Diskussionen und gute Brötchen!
 
 

Dr. Manfred Blümel bei der IAW 2016

Wer noch mehr über Konsumentenverhalten und die spannenden Methoden der modernen Marktforschung erfahren möchte, hat die Möglichkeit, Dr. Manfred Blümel bei der am 13. Oktober im Dornbirner Spielboden stattfindenden 3. Interactive West zu hören bzw. zu erleben. Early-Bird-Tickets sind bis zum 30. September 2016 zu erhalten – für 168 Euro inklusive der Getränke & Speisen sowie der After-/Networkingparty.
 
Wann? 13. Oktober 2016, 15 bis 22 Uhr
Wo? Spielboden Dornbirn
Weitere Infos auf www.interactivewest.at

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